Über das Projekt
Als meine Tochter 6 oder 7 Jahre alt war, legte sie eine sehr seltsame Sammlung an. Schnipsel aus Papier, zerknitterte Abholnummern aus der Lebensmittelabteilung, Einweghandschuhe aus dem Supermarkt, Pappbecher vom Kinopopcorn, Servietten aus dem Café, fast ununterscheidbare Steine von jedem Strandbesuch, Blätter und Stöcke von jedem Waldspaziergang.
Und viele andere Artefakte in diesem Geist. Es war unmöglich, diesen aus Erwachsenensicht offensichtlichen Müll wegzuwerfen. Was sich wiederholte, war für sie einzigartig und unwiederholbar. Amüsanterweise trieb dieses Aufbewahren alles Unwichtigen irgendwann seltsame Blüten — im Kinderzimmer machte sich ein verdächtiger Geruch breit: Es stellte sich heraus, dass auch Essensreste der Erinnerung würdig befunden worden waren — Kuchenkrümel, ein angebissener, unschmeckender Apfel, schrumpfendes Popcorn. Für diesen Teil der Sammlung musste ein anderes Aufbewahrungsformat gefunden werden — Fotos. Und die Galerien unserer Telefone füllten sich mit Stillleben.
Die Sammlung, oder vielmehr Antisammlung meiner Tochter war gleichzeitig sentimental und unerbittlich — wurden doch nicht „denkwürdige“ Dinge aufbewahrt, deren verfallende Schönheit mit der Zeit einen nostalgischen Wert erlangen würde, sondern Dinge, die zum Vergessen bestimmt waren: gesichtslos, unnütz, zufällig. Solche, wie es die meisten gibt.
Es heißt, dass Kinder in diesem Alter beginnen, die Endlichkeit des Daseins und die Vergänglichkeit von allem Existierenden zu begreifen. Wahrscheinlich war dieses Aufbewahren des Unbedeutenden für sie damals eine Form des Kampfes gegen die Angst. Die Angst, dass alles, was man sieht, eines Tages für immer verschwindet. Das ist ein wichtiger und notwendiger Schritt des Heranwachsens, den man durchlaufen muss. Und im Idealfall — sich mit dem Gedanken an die Endlichkeit des Lebens auszusöhnen und andere Sinnstiftermuster und Werte zu finden. Damals hat mich diese Sammlung — das, was ich darin sah — fasziniert und gleichzeitig Mitgefühl geweckt. Was soll man sagen, im Leben muss man so etwas mehr als einmal durchmachen. Persönliche Krisen sind Nachhall und Wiederholung jener ersten Konfrontation mit den eigenen Grenzen und der Ohnmacht gegenüber der Ungerechtigkeit der Weltordnung.
Und in den letzten vier Jahren hat mich das Weltgeschehen — und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht, sondern vielen von uns — auf diesen ursprünglichen Zustand kindlicher Hilflosigkeit gegenüber dem Absurden und Grausamen zurückgeworfen, das stärker ist als man selbst.
Auf seltsame Weise haben mich diese schmerzhaften Erfahrungen schlussendlich tatsächlich zu den Ursprüngen zurückgeführt, zu den früheren, „kindlichen“ Wegen der Bewältigung — zur Kunst. Denn das Einzige, was wir dem Chaos und der Zerstörung entgegensetzen können, ist das Schaffen. Ich begann zu malen wie in der Kindheit — ohne Rücksicht und Reflexion — stundenlang, nicht etwas Konkretes, sondern einfach zu malen — zu sein, im Zustand des Malens zu verharren. Darin einzutauchen. Nach und nach erweiterte sich das Spektrum der Werkzeuge und Techniken — Collage, chemische Experimente (eine weitere Leidenschaft aus der Kindheit!) — das Zusammenspiel von Farben und Papier — mit allem Möglichen. Die Hauptbedingung: Aus diesem Zusammenspiel musste ein neuer Sinn, eine neue Geschichte entstehen.
Jod, Tusche, Seifenblasen, Klebstoff, Rost — zufällige, nicht ganz eigenständige Elemente, genau wie die Gegenstände aus der Sammlung meiner Tochter. Einzeln und für sich genommen erfüllen sie bestenfalls ihre einfache Funktion, ihren direkten Zweck, der weit von der Kunst entfernt ist. Dennoch hat mich die Suche nach meiner eigenen Sprache genau zu ihnen geführt. Weil ich mich, wie sich herausstellte, immer noch weigere, die Idee der Endlichkeit des Daseins zu akzeptieren, wenn dies Ergebung und das Bewusstsein von Grenzen des Möglichen bedeutet. Denn eine solche Ergebung bedeutet die Einteilung alles Seienden in Wichtiges und Unwichtiges, Nützliches und Unnützes, Wertvolles und Müll. Und das wäre doch zu einfach, oder?
Ich glaube, alles ist wichtig, woran du dich erinnerst, was du fühlst, was du bemerkst und was du nicht bemerkst – besonders das, was du nicht bemerkst. Jede Minute der Zeit ist wichtig, sie ist unbezahlbar. Wir sprechen oft mit mechanischem Bedauern darüber. In der Tat, was können wir schon tun – im Spiel gegen die Zeit verlieren wir alle.
Aber ich möchte hoffen, dass der Kampf nicht die einzige Form der Existenz ist. Ein neues Muster aus Fragmenten der Vergangenheit und der Gegenwart, des Gewesenen und des Nie-Dagewesenen zu weben — das ist mein Weg, die unbegreifliche Komplexität dieser Welt auszudrücken und die Schönheit einzufangen, die hilft, diese Komplexität zu ertragen.